Wir danken der Zeitschrift "Tina" vom Bauer-Verlag für die Veröffentlichungsgenehmigung des in der Ausgabe 47/2003 erschienenen Artikels, der von Anja Wotzlaw geschrieben wurde:

...Geburt im 5. Monat: Mein Kind kämpfte sich ins Leben


Sibylle Homabachs (32) Tochter Giulia kam als Frühchen zur Welt Geburt im 5. Monat!

Liebevoll setzt die kleine Giulia (4) ihre Stofftiere aufs Sofa. "Die haben Hunger, die müssen essen!" erklärt das Mädchen und hält jedem eine Salzstange hin. Giulia selbst isst keine. Auch ihr Abendbrot - ein halbes Brötchen mit Salami - rührt sie heute kaum an. Giulia ist ein fröhliches, temperamentvolles Kind. Aber auch sehr zart. Sie isst zu wenig. Viel zu wenig. Ihre Mutter Sibylle Hombach (32) aus Barsbüttel (Schleswig-Holstein) macht sich deswegen oft Sorgen. Seit Giulias Geburt fürchtet sie um die Gesundheit ihrer Tochter. Giulia ist ein Frühchen.

Schon 12 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin kommt sie auf die Welt - in der 28. Schwangerschaftswoche. Das ist extrem früh. Zu diesem Zeitpunkt ist die Lunge noch nicht voll funktionsfähig, sind Magen, Darm und Nieren noch nicht voll ausgebildet. Die Folge: 10 Prozent der Frühchen sterben kurz nach der Geburt. Von denen, die überleben, bleiben 15 Prozent behindert. Dramatisch ist auch Giulias Untergewicht: Sie wiegt nur 803 Gramm, ist 33 cm klein, kaum ein Viertel vom Gewicht, nur zwei Drittel von der Größe anderer Neugeborener. Mediziner sagen: Erst ab 1500 Gramm hat ein Baby wirklich gute Überlebens- und Entwicklungschancen. Dafür müsste Giulia fast doppelt so viel wiegen.

Plötzlich atmet Giulia nicht mehr. Giulia überlebte die dramatisch frühe Geburt. Doch das Bangen geht weiter. Noch vier Mal kommt es zu lebensbedrohlichen Krisen. Vier Mal müssen die Eltern fürchten: Unsere Kleine schafft es nicht. Dabei verläuft Sibylles Schwangerschaft zunächst ganz normal - bis zum 14. Oktober 1999. Da bekommt sie plötzlich Unterleibskrämpfe, hohen Blutdruck. Ihr Mann Stephan (35) fährt sie sofort ins Krankenhaus. Die Ärzte stellen fest: Schwangerschaftsvergiftung! Das bedeutet: Lange darf das Baby nicht mehr in Sibylles Bauch bleiben - denn sonst würden beide sterben. Die Mutter und das Kind.

Vier Tage später sagt ein Arzt zu Sibylle: "Ich glaube, das läuft heute auf einen Kaiserschnitt hinaus." Sibylle will kämpfen, versucht sich innerlich stark zu machen: "Ich sagte zu mir: ,Nein, dieses Kind kriegst du noch nicht.' Das war so ein Schutzmechanismus der Seele." Aber die Ärzte entschieden: Der Kaiserschnitt muss jetzt sein. "Als ich aus der Narkose erwachte, war ich fest überzeugt: Mein Kind lebt. Ich fragte: ,Was ist es?' Die Ärztin: ,Ein Mädchen. Es geht ihm den Umständen entsprechend.' "Aber wo ist es? Auf der Intensivstation der Kinderklinik. Sibylle erschrickt: Ihr Kind ist noch nicht einmal in derselben Klinik - es ist in einem anderen Stadtteil! "Es war schrecklich, sie nicht bei mir zu haben, ich war total unruhig, mein Bauch war jetzt leer, ich war Mutter - und ich war doch keine." Sibylle kann nicht zu ihrem Kind. Sie liegt selbst auf der Intensivstation: Leberprobleme, Nierenversagen, Bluthochdruck. Aber mehr als die eigene Gesundheit macht ihr die Sehnsucht nach ihrem Baby zu schaffen, das sie noch nie gesehen, noch nie im Arm gehalten hat: "Das Einzige, was ich von meiner Tochter hatte, war ein Polaroid." Es zeigte Giulia im Inkubator - Sibylles Mann hat das Foto gemacht.

Drei Tage später, am 21. Oktober, ist Sibylles Geburtstag. Da darf sie endlich das erste Mal zu ihrer Tochter. Giulia liegt im Brutkasten - ein winziges Baby. "Sie war verkabelt, angeschlossen an viele Geräte. Der Anblick war schrecklich für mich. Ich dachte: O Gott, ist die klein. Ihre Handflächen nur so groß wie mein Daumennagel. Ihr ganzer Körper passte in meine Hand. Ich sollte sie gleich wickeln. Dabei hatte ich solche Angst, ihr weh zu tun." Aber Sibylle lernt, ihr Baby zu berühren, ohne die Furcht etwas falsch zu machen. Da trifft der nächste Schock sie umso härter: Giulia läuft blau an, hört plötzlich auf zu atmen. Sibylle: "Ich geriet in Panik." Die Schwester erklärt ihr: "Das Kind sanft anstupsen - dann atmet es weiter!" Sibylle: "Das war das Atemnotsyndrom. Die Lunge reift erst in der 36. Woche aus. Giulia kriegte nicht genug Luft."

Kaum jemand gratuliert. Von nun an ist Sibylle jeden Tag bei ihrer Tochter auf der Intensivstation - von morgens 10 Uhr bis 21 Uhr abends. Dann kommt ihr Mann - er ist Bankkaufmann - von der Arbeit, holt sie im Krankenhaus ab. Dreieinhalb Monate, jeden Tag. Die jungen Eltern sind oft am Ende ihrer Kräfte, brauchen dringend Beistand. Aber nur wenige Freunde melden sich zur Geburt von Giulia oder gratulieren: "Kaum einer fragte mich: ,Wie geht es Dir denn?' Sie hatten wohl Angst, dass man sagt: ,Es geht mir schlecht.' " Was hat sie sich in dieser Situation gewünscht? "Ehrlichkeit. Dass zum Beispiel jemand sagt: ,Ich habe gehört, Du hast ein Frühchen bekommen. Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll.' Dann hätte ich sagen können: ,Kannst mir ruhig gratulieren.' " Die Dauerbelastung, unter der die junge Mutter steht, ist extrem: Die ständige Angst um das Leben ihres Kindes, die Panik vor der nächsten Krise. Und es gibt keine Entwarnung, keine Besserung. Im Gegenteil: Giulia nimmt kaum zu. Die Ärzte vermuten, dass eine Hormonstörung und Kaliummangel die Gründe sind. Bis Januar ist unklar, ob Giulia überleben wird. "Monatelang haben wir uns ständig gefragt: Verlieren wir sie, stirbt sie, wird sie behindert sein?" Aber Giulia, so klein und zart wie sie ist, kämpft um ihr Leben! Langsam nimmt sie zu! Am 11. Januar - dem ursprünglich errechneten Geburtstermin - wiegt sie 1500 Gramm, ist 39 cm groß.

Sieben Wochen müssen noch vergehen, ehe die Ärzte grünes Licht geben. Sibylle und Stephan dürfen ihre Tochter endlich nach Hause holen. Aber dann kommt wieder alles anders: Die Taschen sind schon gepackt, da stellt ein Arzt fest: Giulia hat einen Leistenbruch. Muss operiert werden. Sibylle ist verzweifelt. Was für Qualen muss ihr Baby noch durchstehen? Die OP verläuft gut - aber danach gibt es Komplikationen: Blutungen, die Ärzte können sie nicht stoppen. Sibylle erinnert sich: "Wir dachten, wir verlieren sie jetzt doch noch. Giulia zitterte am ganzen Leib, atmete viel zu flach. Das zog sich 36 Stunden hin." Ein Anblick, der für die Eltern fast unerträglich wird. Sibylle: "Mein Mann war immer stark. Aber da hat er hemmungslos geweint." 28. Februar 2000: Nach 125 Tagen im Krankenhaus kann das kleine Mädchen nun nach Hause. Aber so sehr sich Sibylle und Stephan bemühen: Giulia will nicht essen! "Sobald sie die Flasche sah, hat sie gebrüllt", erinnert sich Sibylle. Sie ist sich heute sicher, dass Giulias Essprobleme auf die lange Zeit im Inkubator zurückzuführen sind: "Im Inkubator wurde sie per Magensonde ernährt. Sie hat damals nicht wie andere Kinder gelernt, etwas mit dem Mund aufzunehmen, zu schlucken." Dass ihre Tochter sich weigert zu essen, hinterlässt Spuren bei Sibylle: "Was Giulia an Kilos zu wenig hatte, hatte ich zu viel." 10 Kilo nimmt die junge Mutter zu. Obwohl ihr klar ist, dass für Giulias Gesundheitsprobleme niemand verantwortlich ist, bekommt Sibylle massive Schuldgefühle. "Ich dachte: Du hast Giulia schon nicht ausgetragen, jetzt kannst Du sie noch nicht mal ernähren." Mit diesem Gedanken zu leben - belastend für Sibylle. Zwar kann sie mit anderen Müttern sprechen, aber die können sich in die speziellen Probleme einer Frühchen-Mutter nicht immer hineinversetzen. "Ich kam mir ausgegrenzt vor."

Dann entdeckte Sibylle im Internet die Seite von www.fruehstart-hamburg.de. "Eine Seite von Frühchen-Eltern. Ich las - und fühlte mich verstanden. Ich habe endlich gemerkt: Es geht dir nicht alleine so!" Jedes Jahr kommen in Deutschland etwa 800.000 Kinder auf die Welt, 50.000 davon zu früh. Für Sibylle folgen zwei weitere anstrengende Jahre. Sie muss mit Giulia regelmäßig zur Physiotherapie. Wahrnehmungsstörungen. Nachsorgetermine. Und Giulia entwickelt sich gut. Dramatische Notsituationen gibt es nicht mehr. Die Kleine spielt gern, lacht viel - tausend Glücksmomente. Aber Sibylle gibt zu: Da ist immer eine Sorge in ihr als Mutter, die wohl auch bleiben wird. Ist sie gesund? Wie fühlt sie sich? "Ich habe meine Antenne immer auf Bereitschaft. Jetzt am Wochenende hat sie gehustet. Da höre ich genau hin..." Das Drama von Giulias ersten Lebensmonaten wirkt nach, Aber wer Sibylle begegnet, spürt: Sie mag zwar mehr Sorgen haben als Mütter von Kindern, die einen leichteren Start ins Leben hatten. Aber sie ist auch zu beneiden: "Ich bin unheimlich stolz auf meine Tochter. Und ich kann sagen, dass ich etwas von ihr gelernt habe: Diese ungeheure Stärke."