Hamburger Abendblatt vom 29.08.2003

...Eine Hand voll Mensch


Frühchen: Jedes Jahr kommen in Deutschland 50.000 Kinder zu früh auf die Welt. Moderne Medizin hilft ihnen beim Kampf ums Dasein. Aber es werden auch behutsame Reize eingesetzt, die ihnen vermitteln: Es lohnt sich zu leben.

Von Cornelia Werner

Viel zu früh müssen sie die Geborgenheit des Mutterleibes verlassen - und sind doch noch gar nicht gerüstet für unsere Welt. Von den 800 000 Kindern, die jährlich in Deutschland zur Welt kommen, werden 50 000 zu früh geboren. Manche von ihnen sind nach 24 Schwangerschaftswochen noch so winzig, dass sie in eine Erwachsenenhand passen. Doch dank moderner Medizin haben diese Kinder heute wesentlich bessere Chancen, den Frühstart ins Leben gesund zu überstehen als noch vor 15 Jahren.

Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 38 bis 42 Wochen. Alle Kinder, die früher zur Welt kommen, sind Frühgeborene. "Ab wann die Kinder außerhalb des Mutterleibs lebensfähig sind, hängt von der Reife des Kindes, der Funktionsfähigkeit der Organe ab", erklärt Dr. Reinhard Laux, Chefarzt der Abteilung für Neonatologie im AK Barmbek.

Mit jeder Woche, die die Kinder noch im Mutterleib verbringen, steigt ihre Überlebenschance und sinkt das Risiko bleibender Schäden. "Ab einem Geburtsgewicht von 800 Gramm nach der 26. Woche haben Kinder eine 90-prozentige Überlebenschance. Und von diesen haben etwa zehn bis 15 Prozent eine nennenswerte Behinderung", sagt Laux. Weil ihr kleiner Organismus für dieses Leben noch gar nicht reif ist, brauchen Frühchen oft eine intensivmedizinische Betreuung. "Dabei versuchen wir, sie so wenig wie möglich zu verletzen, um schädlichen Stress zu vermeiden", so Laux. "Und wir ermöglichen ihnen ein Sozialleben mit der ,Känguru-Methode'. Dabei werden sie täglich bis zu zwei Stunden der Mutter zum Kuscheln und Kennenlernen zugedeckt auf den Bauch gelegt. Währenddessen wird das Kind weiter durch einen Monitor überwacht." Wenn es die intensivmedizinische Phase hinter sich hat, braucht es Unterstützung, um sich in dieser Welt zurechtzufinden. "Mit sanften Reizen vermitteln wir dem Kind, dass es sich lohnt zu leben. Zum Beispiel lassen wir es an einem Wattebausch mit Zuckerlösung nuckeln", berichtet der Kinderarzt.

In der Regel werden die Frühchen ein bis zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin aus dem Krankenhaus entlassen. Im weiteren Leben können sich die Folgen der Frühgeburt noch bemerkbar machen: "Wenn das Kind ausgeprägte Atemstörungen hatte und lange künstlich beatmet werden musste, bleiben die Atemwege empfindlich. Die Kinder bekommen leichter Bronchitis oder Lungenentzündung, sind nicht so belastbar wie ihre Altersgenossen. Bis auf seltene Ausnahmen heilt das bis zum beginnenden Schulalter aus", so Laux. Weil das Abwehrsystem dieser Kinder noch nicht ausgereift ist, leiden sie häufiger unter Infektionen. "Deswegen werden alle Frühgeborenen, wenn sie 70 Tage alt sind und mindestens zwei Kilogramm wiegen, geimpft. Dadurch sind Keuchhusten oder bestimmte Virusentzündungen von Lunge und Hirnhaut nicht mehr deutlich häufiger als bei reifen Neugeborenen", sagt Laux. Kinder, die bei der Geburt für ihr Reifealter zu klein waren, holen den Wachstumsrückstand nicht vollständig auf und bleiben meist klein und leicht. "Wenn ein Kind nach 30 Schwangerschaftswochen bei der Geburt statt 1400 Gramm nur 700 Gramm wiegt, ist es in der Gebärmutter schlecht ernährt worden. Diese Kinder hatten auch eine Unternährung des Gehirns, die nicht immer vollständig aufgeholt wird. Es gibt viele Kinder, die es trotzdem schaffen, aber der Prozentsatz, der zurückbleibt, ist deutlich höher als bei normalgewichtigen Frühgeborenen. Auch Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen in der Schule sind bei sehr kleinen Kindern viel häufiger."

Das unreife Gehirn solcher Kinder kann die Reize, die auf das kleine Kind einstürmen, noch nicht verarbeiten. "Erst langsam lernt das Gehirn, Reize wie zum Beispiel Licht oder Lärm zu dämpfen und zu regulieren. Wenn es durch zu viele Reize überfordert wird, ist das möglicherweise eine Ursache dafür, dass diese Kinder später Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Deswegen pflegen wir sie sehr viel sanfter als früher, in der Hoffnung, dadurch einige Auffälligkeiten zu vermeiden." Weil das Gehirn von Frühgeborenen so empfindlich ist, kann es zu Hirnblutungen und Durchblutungsstörungen kommen und dazu, dass Hirngewebe abstirbt. "Die Folge sind Bewegungsstörungen bis dahin, dass das Laufen schlecht oder gar nicht gelernt wird. Die Kinder können zum Teil nicht gezielt greifen und sind schwerstbehindert." Je früher das Kind auf die Welt kommt, umso größer ist das Risiko solcher Folgeschäden. Doch es gibt immer wieder erstaunliche Ausnahmen. "Deswegen können wir den Eltern nicht voraussagen, wie sich ihr Kind im weiteren Leben entwickeln wird."