Hamburger Abendblatt vom 13.07.2002

...und dennoch leben wir


Frühchen: Max und Felix kamen viel zu früh auf die Welt - wie Hunderte andere Kinder in Hamburg. Ein Verein hilft den verzweifelten Eltern.


Von Katharina Geßler

Die Zwillinge Felix und Max kamen am 1. Juli 1992 zur Welt, 14 Wochen zu früh. Sie wogen 870 und 950 Gramm, maßen gerade mal 34 beziehungsweise 35 Zentimeter. Kleine, gequälte Geschöpfe mit durchsichtiger Haut und seltsam greisenhaften Gesichtchen. Per Not-Kaiserschnitt wurden die Kinder ins Leben geholt. Bei ihrer Mutter Christiane Stock hatten viel zu früh die Wehen eingesetzt. "Das wars dann wohl", dachte die Mutter: "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die beiden eine Chance haben." Heute gehen sie in die dritte Klasse, machen eine Menge Unsinn und sind fast 1,30 Meter groß. Etwa 300 Frühchen werden pro Jahr in Hamburg geboren. Kinder, die leichter sind als 1000 Gramm - jedes für sich eine Hand voll Mensch, viel zu früh in die Welt entlassen. Zum Kämpfen verurteilt, wie ihre Eltern, für die mit der Geburt das Gefühlschaos losbricht.

Christiane Stock (45) kämpft inzwischen nicht nur für ihre eigenen Kinder. Sie ist die Vorsitzende des Vereins "Frühstart", der 1995 auf Anregung von Dr. Reinhard Laux gegründet wurde. Dort erhalten Betroffene Hilfe und Orientierung. An die Geburt ihrer Kinder hat Christiane Stock bittere Erinnerungen: "Als sie aus dem Bauch geholt wurden, war da nichts. Kein Schrei, kein Wimmern. Einfach nichts, was an Leben erinnert hätte." Erst nach zwei Tagen sah sie die Zwillinge. Sie lagen beatmet auf der Intensivstation. Obwohl es ihr selbst noch schlecht ging, musste sie zu ihnen: "Ich wollte sie lebend sehen, ihnen Namen geben." Die erste Begegnung? Eine Mischung aus Freude und Entsetzen. Freude über die lebendigen Wesen. Entsetzen über Kabel und Elektroden. Christiane Stock: "Ich habe keine Fragen gestellt, weil ich Angst vor den Antworten hatte."

Es begann ein langer Kampf. Für die Kinder, aber auch für die allein erziehende Mutter. Jedem Hoch folgte ein Tief. Beide Kinder bekamen Lungenentzündungen; Felix Nierensteine. Dann wurde bei ihm eine Hirnblutung festgestellt. Dazu die Sorge, welche Schäden die Medikamente anrichten könnten. "Ich hatte einfach keine Zeit, schlapp zu machen", sagt die 45-Jährige.

Max kam nach drei, Felix nach sieben Monaten nach Hause. Christianes Mutter, Geschwister und Freunde halfen, den Alltag zu bewältigen. Sie selbst verbrachte unendlich viel Zeit damit, herauszufinden, welche Hilfen und Therapien geboten werden. Eine Mühe, die "Frühstart" jungen Eltern ersparen will. Die Mitstreiter sind selbst Betroffene. Sie verstehen sich als Mittler zwischen Eltern, Ärzten und Schwestern. Sie sind da, wenn Väter oder Mütter sich aussprechen wollen. Und sprechen müssen die Eltern: Es bestehe die Gefahr, dass Eltern von Frühchen in der Isolation landen, sagt Christiane Stock: Weil das Leben zwischen Intensivstation und Tagesroutine kaum Zeit lässt für andere Begegnungen.

Der Verein mit Elterngruppen im Klinikum Nord (Heidberg), im AK Barmbek sowie am UKE hat seine Arbeit nun auf Altona ausgedehnt, mit regelmäßigen Treffen im Allgemeinen Krankenhaus und der Kinderklinik (Tel. 52 71 30 38, dienstags 9 bis 12 Uhr).

Felix und Max besuchen heute die dritte Klasse einer Schule in Norderstedt. Eine Integrationsklasse, denn Felix leidet unter Teillähmungen in Beinen und Händen. Christiane Stock geht wieder arbeiten. Die drei wohnen im Haus ihrer Mutter Ursel, die sich um die Jungs kümmert, wenn Mama nicht da ist. Knapp 25 Kilo sind die Zwillinge jetzt schwer. Nicht viel für ihr Alter. Aber sie sind putzmunter, aufgeweckt, machen Unsinn. Wie die anderen.

Christiane Stock kann sich ein Leben ohne ihre Kinder nicht mehr vorstellen: "Es ist gut, wie es ist." Und das will sie Eltern vermitteln, die verzweifelt zu ihr kommen. "Es lohnt sich immer zu hoffen." "Ich habe keine Fragen gestellt, weil ich Angst vor den Antworten hatte." Christiane Stock "Frühstart" versteht sich als Mittler zwischen Eltern, Ärzten und Schwestern.